Portraits


	
						
	
	

				
			
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Der größte Optimist der Welt | Es gab immer Menschen, die aus dem Nichts heraus Großartiges schafften. Ein Beispiel: eine heruntergekommene Brauerei zu kaufen und damit nicht nur Bier zu brauen, sondern ein derart einzigartiges Bier zu entwickeln, dass der Name der Brauerei heute als Synonym für einen kompletten Bierstil steht. Wer an Stout denkt, denkt an Guinness – und umgekehrt. Lesen Sie hier die Geschichte des Arthur Guinness.

So ungewöhnlich wie diese Geschichte sind auch ihre Protagonisten, an deren Anfang ein anglikanischer Theologe steht. Der irische Erzbischof James Ussher hatte zu Beginn des 17. Jahrhunderts für sein Buch über die Weltgeschichte die Bibel sehr akkurat studiert und den Zeitpunkt der Entstehung der Erde auf exakt den 21. September 4004 v. Chr. (nach unserem heutigen, gregorianischen Kalender) errechnet. Die Uhrzeit konnte er zwar nicht mitliefern, dennoch wurde diese Berechnung viele Jahre lang von sehr vielen Menschen als gültig anerkannt, auch im Jahr 1759 noch. Was aber hat dies mit unserem „Biergiganten” Arthur Guinness zu tun? Nun, dieser schloss im Jahr 1759, also im Jahr 5763 nach „Erzbischof-Ussher-Zeitrechnung”, einen Pachtvertrag ab über eine heruntergekommene Brauerei am St. James Gate im irischen Dublin. Die Zeit von Charles Darwin und anderer Wissenschaftler, welche die Anfänge unserer Erde etwas fundierter einige Milliarden Jahre nach vorne verlegen sollten, war noch nicht gekommen – dies sollte noch gut 100 Jahre dauern. Guinness schlug seinem Vermieter, dem Erben des ehemaligen Dubliner Bürgermeisters Mark Rainsford, für den Mietvertrag jedoch eine Laufzeit von sage und schreibe 9000 Jahren vor, das 1,5-Fache des Alters der Erde! Die jährliche Pacht sollte 45 Pfund betragen, bis zum Jahr 10 759 nach Christus. Das Unglaubliche geschah: Der Pachtvertrag wurde unterschrieben!

Arthur Guinness (1725–1803) (Quelle: User Morrison1917 on en.wikipedia, Public domain, via Wikimedia Commons)
Arthur Guinness (1725–1803) (Quelle: User Morrison1917 on en.wikipedia, Public domain, via Wikimedia Commons)

Verrückt oder nur ein guter Rechner?

War dieser Arthur Guinness ein Optimist, war er verrückt oder nur ein guter Rechner, der die Inflation ahnte und ausbremsen wollte? Wir wissen es nicht. Aber wer war Arthur Guinness? Geboren wurde er am 24. September 1725 in Celbridge in der Grafschaft Kildare, nur einige Meilen westlich der irischen Hauptstadt Dublin. Beide Eltern, Richard und Elizabeth, stammten von bäuerlichen Pächtern aus der Umgebung ab. Richard Guinness arbeitete als Landverwalter für Arthur Price, den Erzbischof von Cashel, und braute in dieser Funktion Bier für die Arbeitskräfte des bischöflichen Gutes. So kam der junge Arthur schon früh in Kontakt mit dem Brauerberuf. Der Erzbischof war auch der Taufpate des Jungen, und als er 1752 starb, vermachte er Arthur 100 Pfund; dies würde heute etwa 10000 EUR entsprechen. Der junge Mann investierte diese Erbschaft in eine kleine Brauerei im Nachbarort Leixlip, die ihm bereits 1755 zur Gänze gehörte. Nur vier Jahre hielt er es dort in der irischen Provinz aus, dann lockte das große Dublin. Dublin ging damals bereits stramm auf die 100.000 Einwohner zu und war, zwar weit hinter London, doch eine der größten Städte auf den britischen Inseln. Die industrielle Revolution hatte noch nicht begonnen, die meisten Menschen lebten noch sehr ländlich. Arthur Guinness jedoch war nicht nur Optimist, sondern er besaß auch Unternehmergeist und kaufmännisches Geschick. 1759 bestand die St. James Brauerei aus 16.000 Quadratmetern Land mit lediglich einem kupfernen Braukessel, einem Maischbottich, einer Mühle, zwei Malzhäusern und Ställen für zwölf Pferde. Ursprünglich wollte Arthur Guinness hier ausschließlich helles Ale brauen, das beliebteste Bier in Irland. Das tat er die ersten 20 Jahre auch, mit Erfolg, denn 1769 ging die erste Fuhre (helles) Guinness-Bier per Schiff nach London. Ab 1770 jedoch kam, ausgehend von London, ein neues Getränk in Mode: ein stärkeres, dunkleres Bier, das Porter genannt wurde.

Ein einzigartiges Rezept

Arthur Guinness entschied sich im Jahr 1778 dazu, dieses Bier in sein Sortiment einzuführen. In den nächsten Jahren optimierte er die Rezeptur so lange, bis sein Porter eine Eigenständigkeit hatte, die nicht zu kopieren war. Der Anteil an geröstetem Gerstenmalz wurde sukzessive umgestellt auf unvermälzte, geröstete Rohgerste. Malz von den britischen Inseln hatte damals stets eine bessere Auflösung als das vom Kontinent, weil die Mälzer die Haufen bis zu zwölf Tage und länger auf der Tenne zum Keimen liegen ließen. Abgedarrt wurde mit einer speziellen Anthrazitkohle, die keine Rauchgase erzeugte, auf eigens konstruierten Darrblechen, die die Hitze gut und gleichmäßig umleiteten. Für dieses überlöste Malz bot sich dann eine einfache Infusionsmaische an (während auf dem Kontinent Dreimaischverfahren üblich waren), die im Laufe der Zeit zu einer „fallenden Infusion” perfektioniert wurde. Eingemaischt wurde bei hoher Temperatur (mindestens Verzuckerungstemperatur, über 70 °C), dann blieb alles einfach zwei bis drei Stunden stehen, bis die Maische verzuckert war. Das Guinness Stout erhielt auch eine höhere Hopfengabe, und nach noch einmal zwei bis drei Stunden Hopfenkochen war die Würze nicht nur süß und stark, sondern auch entsprechend bitter. Damit traf dieses dunkle Bier offenbar den Zeitgeist, denn dem Guinness-Bier fehlte die süßliche Schwere der englischen Bierstile.

Eingangstor zum Guinness Storehouse in Dublin (Quelle: Andrew Messner auf Unsplash)
Eingangstor zum Guinness Storehouse in Dublin (Quelle: Andrew Messner auf Unsplash)

Dafür passte es vorzüglich in die nun beginnende industrielle Revolution, denn ein bis drei Pints Guinness entsprachen einer vollwertigen Mahlzeit. Der Begriff „Stout”, anfangs nur als eine Variante des Porter gesehen, entwickelte sich bei Guinness zu einem eigenständigen Bierstil, der sich erkennbar vom Porter unterschied. Es ist nicht gesichert, dass all diese Feinheiten der Rezeptur von Arthur Guinness persönlich stammten, von angestellten Braumeistern oder seinen Kindern, die die Brauerei nach ihm weiterführten. Er legte aber auf jeden Fall den Grundstein für den weltweiten Erfolg des Guinness Stout. Dieses Bier wurde bereits unter seiner Ägide so erfolgreich, dass die Brauerei am St. James Gate im Jahr 1799, nach einer großen Brauerei-Erweiterung, das Brauen anderer, hellerer Biersorten komplett einstellte und sich ausschließlich auf Stout konzentrierte. Dabei assistierten ihm – der Überlieferung nach – Mitglieder der Brauerfamilie Purser, die ursprünglich aus Mähren eingewandert, in London bereits erfolgreich Porter gebraut hatten. Diese konnte Guinness als Angestellte der Brauerei nach Dublin locken. Später, im 19. Jahrhundert, wurden einige der Pursers Partner und Gesellschafter der Brauerei. Zu dieser Zeit war die Guinness Brauerei bereits die größte Porter- und Stout-Brauerei der Welt.

Dunkel, süß, stark und bitter traf Guinness Stout von Beginn an den Geschmack der Konsumenten und sorgte dafür, dass sich die Brauerei am St. James Gate in Dublin bereits 1799 auf die ausschließliche Produktion von Stout verlegte (Quelle: Erik Jacobson on Unsplash)
Dunkel, süß, stark und bitter traf Guinness Stout von Beginn an den Geschmack der Konsumenten und sorgte dafür, dass sich die Brauerei am St. James Gate in Dublin bereits 1799 auf die ausschließliche Produktion von Stout verlegte (Quelle: Erik Jacobson on Unsplash)

Dynastische Vorsorge

Neben seiner Arbeit in der Brauerei fand Arthur Guinness auch Zeit, um eine große Familie zu gründen. 1761 heiratete der Brauer in der St. Mary’s Church in Dublin Olivia Whitmore, die Tochter eines Kaufmanns aus Dublin, die eine stattliche Mitgift von 1000 Pfund mit in die Ehe brachte. Drei Jahre später zog die Familie Guinness in ein neues Haus, das Arthur auf einer 21 Hektar großen Farm im Norden Dublins erbauen ließ. Seine letzten fünf Lebensjahre verbrachte er in einer herrschaftlichen georgianischen Villa am Mountjoy Square in Dublin. Bei beiden Residenzen war er verbunden mit dem Großgrundbesitzer und Politiker Charles Gardiner und dessen Sohn Luke, die seine Verpächter waren. Im Verlauf der Ehe mit Olivia bekam diese 21 Kinder, von denen nur zehn das Erwachsenenalter erreichten. Zehn überlebende Nachkommen genügten jedoch, um die Nachfolge der Brauerei sicher zu stellen und die übrigen gut versorgt zu wissen. Diese Kinder waren:

  • Elizabeth (1763–1847), ab 1809 verheiratet mit Frederick Darley, Baumeister und Oberbürgermeister von Dublin;
  • Reverend Dr. Hosea (1765–1841), Rektor der St. Werburgh’s Kirche in Dublin;
  • Arthur (1768–1855), Brauer und Bankier;
  • Edward (1772–1833), Rechtsanwalt in Dublin;
  • Olivia (1775–1809);
  • Benjamin (1777–1826), Brauer;
  • William (1779–1842), Brauer;
  • Louisa (1781–1809);
  • Mary (1787–1809);
  • John (1783–1850), Captain in der Britisch-indischen Armee.

Drei Söhne – Arthur, Benjamin und William – konnten sich somit als Brauer die Nachfolge am St. James Gate teilen. In den 1780er-Jahren begann der Sohn Arthur mit der Arbeit in der Brauerei, und kurz vor seinem Tod ernannte der offenbar zufriedene Vater ihn zum Seniorpartner.

Politisches und gesellschaftliches Engagement

Mit dem Erfolg der Brauerei kamen auch Geld und Einfluss, den Arthur Guinness in der Politik nutzen wollte. Er war ein protestantischer Christ und politisch ein pro-britischer Unionist. Er lehnte den irischen Nationalismus ebenso ab wie die Forderung nach irischer Unabhängigkeit von Großbritannien. Gleichwohl befürwortete er die Emanzipation der Katholiken, denn er sah Irland am liebsten geeint und friedlich unter britischer Kontrolle – mit gewissen politischen und parlamentarischen Freiheiten. Er förderte daher Politiker wie Henry Grattan, der in den 1780er- und 1790er-Jahren sehr einflussreich war, der aber auch (sic!) die Biersteuer reduzieren wollte. Bereits 1760 wurde Guinness Mitglied der Dubliner Brewer’s Guild und 1767 erwählter „Master of the Dublin Corporation of Brewers”. Obwohl Arthur Guinness zum Ende seines Lebens sehr, sehr wohlhabend war, mied er das Rampenlicht und lebte eher zurückgezogen. Daher wundert es auch nicht, dass es nur ein gesichertes Porträt von ihm gibt.

Trivia: Briefmarken und Namensetymologie

Arthur Guinness gehört zu den wenigen Iren, die gleich zweimal auf einer Briefmarke verewigt wurden (1959 and 2009). Der Name Guinness ist eine Anglisierung des irisch-sprachigen Nachnamens „Mac Aonghusa“ bzw. „Mag Aonghusa“ und bedeutet „Sohn des Aongus“. Aongus bedeutet „eine Wahl“ (keltisch „oino-gustus“).

Arthur Guinness verstarb mit 77 Jahren am 23. Januar 1803 in Dublin und wurde im Familiengrab seiner Mutter in Oughterard im Kildare County beigesetzt. Die Guinness Brauerei hatte zu dieser Zeit einen Ausstoß von mehr als 20.000 Barrel, und ganz Dublin betrauerte den Tod seines Sohnes „Onkel Arthur”.

Sein 9000-Jahre-Pachtvertrag ist, genau wie seine erste Biersteuererklärung über Porter von 1778, im Guinness-Storehouse-Museum am St. James Gate – der vermutlich meistbesuchten Touristenattraktion Irlands – ausgestellt. Der optimistische Pachtvertrag ist allerdings bereits seit einigen Jahren ungültig, da die Brauerei das Grundstück längst gekauft hat.

Auch Arthur Guinness’ Nachkommen waren erfolgreiche Geschäftsleute und Brauer. Im Jahr 1833 war die Guinness Brauerei die größte Brauerei Irlands. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts ging Guinness an die Börse und erlöste dabei etwa sechs Millionen Pfund, eine unerhörte Summe damals. Heute wird Guinness in 50 Ländern der Welt gebraut – mit unterschiedlichen Rezepturen, in 150 Ländern vertrieben, und die Marke gehört zum britischen Diageo-Konzern.

In unserem Dossier: Giganten der Biergeschichte fassen wir alle Artikel der Serie für euch zusammen.