Portraits


		
						
	
		

					
			
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Laut Verband der Brauereien Österreichs kommt eine Braumanufaktur auf 32 000 Einwohner. Zu den offiziell 278 Brauereien gesellte sich im November 2017 ein weiterer kleiner Betrieb im Herzen Wiens dazu. Er zählt zur wachsenden Craft Bier-Gemeinde und sticht mit seinem Namen heraus: Muttermilch – Vienna Brewery.

Die Mikrobrauerei gehört zum Hause Ammersin, einem der führenden Getränkegroßhändler Österreichs. Muttermilch ist das jüngste Projekt und Label der Rudolf Ammersin GesmbH, deren Kerngeschäft unter der Führung von Sigrid Wiegand die Versorgung der ostösterreichischen Gastronomie und des nationalen Handels ist. 120 Jahre wurde der Betrieb als Familienunternehmen geführt, bevor man sich Anfang des Jahres für einen mehrheitlichen Verkauf der Anteile an die Brau Union und somit an Heineken entschied.

Außenansicht – Brauerei und Store sind im Herzen Wiens angesiedelt Foto: S. Rainsborough
Außenansicht – Brauerei und Store sind im Herzen Wiens angesiedelt (Foto: S. Rainsborough)

 

Ammersin ist in Österreich in seiner Rolle als Markenspezialist und -importeur bekannt und ließ in den letzten Jahren besonders mit dem Rekord-Biersortiment aufhorchen. Verantwortlich für die beeindruckende Anzahl von aktuell 1500 verschiedenen Produkten aus rund 120 Brauereien weltweit ist der Biersommelier Markus Betz. Er steckt hinter dem 360°-Konzept im Bereich Craft Bier. Zunächst genehmigte die Geschäftsführung die Gestaltung eines europaweit einzigartigen Craft Bier-Shops. 2015 gelang die Etablierung des größten heimischen Stores „‚BeerLovers – all about craft“ mit dazugehörigem Onlineshop. Nach vielen Erkundungsbesuchen in Europa und den USA erfolgte die Konzipierung des Craft Bier-Kompetenz-Areals auf rund 400 Quadratmetern. Vor einem Jahr wurde dann im Untergeschoss die kleine Muttermilch-Brauerei gebaut, in der selbst oder gemeinsam mit anderen gebraut wird und Brauworkshops zeigen, wie es geht.

Je 2,5 hl kann man in den Kupfersudkesseln der Mikrobrauerei brauen Foto: S. Rainsborough
Je 2,5 hl kann man in den Kupfersudkesseln der Mikrobrauerei brauen (Foto: S. Rainsborough)

 

Nicht nur mit der Brautechnikerin Marina Ebner, die nach ihrem ausgezeichneten Lehrabschluss bei der Ottakringer Brauerei bei Ammersin anheuerte, setzte man auf perfektionistische Ansätze und ein hohes Maß an Qualitätsbewusstsein. Laut Betz „steht und fällt“ alles bereits mit dem professionellen Aufbau der Brauerei. Die Brauanlage wurde von der Bamberger Kaspar Schulz Brauereimaschinenfabrik & Apparatebauanstalt e.K. gebaut – inklusive elektronischer Brauhilfen, die selbst bei Sudgrößen von nur 2,5 Hektolitern notwendig werden. Die Tanks kamen ebenfalls aus Deutschland, und zwar von der Müller GmbH & Co. KG aus Gernsbach bei Baden-Baden. Auch auf die Anrainer im stark bebauten Wiener Stadtkern wurde Rücksicht genommen: Die entstehenden Dämpfe werden direkt in die Abwasserkanalisation geleitet, weshalb es zu keiner Geruchsbelästigung kommt.

Kreativität, Einzigartigkeit, Qualität und Mut – bei der Namenssuche spielten diese Merkmale eine große Rolle für die Ammersin-Geschäftsführung – ohne Scheu vor Polarisierung. Inspiriert von der Redensart „mit der Muttermilch einflößen“ blieb man nach langer Suche bei „Muttermilch“ und ergänzte der Verständlichkeit halber „Vienna Brewery“.

Fortan galt es, dem Namen eine Gestalt und der Brauerei eine gehaltvolle Identität zu verleihen. „Den Namen unserer Brauerei soll man durchwegs mit Humor nehmen. Dahinter steckt die ernste Absicht, Bier bester Qualität mit den erlesensten Zutaten zu brauen. Für diesen hohen Anspruch steht für uns der Begriff Muttermilch“, erklärt Kathrin Rauscher, die für die Entwicklung der Marke verantwortlich zeichnet und den Außenauftritt leitet. Anstelle eines Logos entschied man sich für ein Wappen: „Wir haben erwartet, dass der Name Muttermilch zuweilen auch kritisch aufgenommen wird. In der Szene sind ungewöhnliche Begriffe aber gängig. Wir entwickelten ein Wappen, wie es für Brauereien früher üblich war. Das Muttermilch-Wappen lehnt sich grafisch an das altehrwürdige Gumpendorfer Wappen an. Gumpendorf nannte man den Teil vor der Altstadt Wiens, in dem unsere Brauerei steht. Das dreigeteilte Originalwappen enthält die klassischen Liliensymbole, an ihrer Stelle verwenden wir Hopfendolden. Die zwei Buchstaben ‚M‘ von Muttermilch formen aneinandergereiht ein Krönchen, das mit Hopfen und Biertropfen verziert ist. Wappen und Krone sollen Lust auf royalen Geschmack machen – wir erzählen dazu gerne die ‚Mär vom verschwundenen royalen Bierrezept‘: In den Gumpendorfer Gemäuern haben wir es wiederentdeckt und so braut unsere Brauerin jetzt königliche Biere. Die Bieretiketten und Namen werden als Mitglieder der Muttermilch-Familie konzipiert. Seit einem Jahr wächst unser bieriger Hofstaat kontinuierlich mit jedem gelungenen Sud im Namen der Schaumkrone“, erläutert Rauscher das Konzept. Bei der grafisch-kreativen Ausgestaltung arbeitet man mit der Wiener Künstlerin Magdalena Weyrer zusammen, die die Etiketten-Figuren zu den Bieren erschafft.

Drei Biere umfasst das Kernsortiment: Wiener Lager, Pils und India Pale Ale
Drei Biere umfasst das Kernsortiment: Wiener Lager, Pils und India Pale Ale

 

Zum einjährigen Jubiläum erweitert die Kreativbier-Manufaktur ihr Kernsortiment um ein drittes Bier, um einen typischen Craft Bier-Stil: das India Pale Ale. In Anspielung sowohl auf den Bierstil als auch auf die Farbe wurde es augenzwinkernd „Indira Blondi“ getauft. Zur Vorstellung bei der Craft Bier-Community hatte man sich zunächst auf klassische österreichische Bierstile konzentriert. Das Muttermilch-Team rund um Diplom-Biersommelier Markus Betz präsentierte zuerst ein Wiener Lager: „Der Wiener Bubi ist ein klassisches bernsteinfarbenes Wiener Lager mit einem Orangestich und einer feinporigen Schaumkrone. Im Geruch findet man biskuitartige und blumige Töne. Er ist malzsüß mit einer feinen Karamellnuance, trockenem Abgang und moderater Kohlensäure. Die angenehme Bittere macht Lust auf mehr!“ Zeitgleich brachte man auch ein spritziges Pils auf den Markt: „Bitta von Tresen“ heißt das Bier Nummer 2. Beide Biere werden derzeit in der befreundeten Brauerei Schrems im Waldviertel abgefüllt. Der Grund dafür liegt im nachgefragten Volumen, denn in der Schaubrauerei unweit von der Wiener Oper können in den beiden Sudkesseln nur je 2,5 Hektoliter Bier gebraut werden.

In der Szene ist das Team schon gut herumgekommen. Das ist auch dem starken internationalen Netzwerkgedanken zuzuschreiben, denn Ammersin gilt schon seit einigen Jahren als Anbieter vieler starker Craft Bier-Marken beim Craft Bier Fest in Wien. Bei diesem Festival werden viele Brauer-Freundschaften geschlossen und gemeinsame Braupläne besiegelt. Brauereiübergreifende Produktionen, also Collaboration-Brews, mit Muttermilch entstanden u.a. bereits mit O’Haras aus Irland, DeMolen aus Holland, Naparbier aus Spanien oder jüngst mit der Brauerei Gutmann aus Deutschland.

Das Muttermilch-Team: Markus Betz, Marina Ebner und Kathrin Rauscher
Das Muttermilch-Team: Markus Betz, Marina Ebner und Kathrin Rauscher

 

„Unsere Brauerei ist perfekt gebaut für Gastronomen oder auch Unternehmen, die eine überschaubare Menge an eigenem Bier brauen möchten. Nicht nur, dass wir die nötige Flexibilität haben, auf verschiedenste Geschmacksexperimente einzugehen: Das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt durch die angepassten Größeneinheiten“, erläutert Betz das Angebot. Selbst Braugaststätten experimentieren an der kleinen Anlage und auch für Teambuilding-Events hat die kleine, aber feine Brauerei ihre Türen schon geöffnet: „Das Wichtigste ist, dass wir das Thema Bier mit intensiveren oder neueren Geschmäckern neu definieren und so auf ein höheres Niveau heben. Das hat es verdient.“

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