Portraits


		
						
	
		

					
			
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Der Münchner Brauherr Gabriel Sedlmayr II. (der Jüngere), verantwortlich für den Aufstieg der Spaten Brauerei zur führenden Brauerei Europas, ist DIE Lichtgestalt unter den zahlreichen hervorragenden Brauunternehmern des 19. Jahrhunderts. Im Folgendem portraitiert unser Autor Günther Thömmes das von Industriespionage bis Goldmedaillen reichende Leben des Gabriel Sedlmayr II. (der Jüngere).

Geboren 1811, ließ ihm sein wohlhabender und vorausschauender Vater die bestmögliche Ausbildung inklusive Privatlehrer zukommen. Nach einer Brauerlehre begannen intensive Reisen mit immer weiter entfernt liegenden Zielen: zuerst in Bayern, dann nach Holland und Belgien sowie schließlich nach England und Schottland. Besonders die Reise auf die britischen Inseln 1833/34 mit seinem besten Freund Anton Dreher von der Schwechater Brauerei (und teilweise mit Lederer aus Nürnberg und Meindl aus Braunau) ging in die Biergeschichte ein.

 

Gabriel Sedlmayr (Foto: Public domain, Wikimedia Commons)
Gabriel Sedlmayr (Foto: Public domain, Wikimedia Commons,
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gabriel_Sedlmayr_(1811-1891).jpg)

 

Industriespionage führt zu neuen Erkenntnissen

Die beiden jungen Brauer brachten Wissen mit zurück auf den Kontinent, das nicht immer auf sauberem Weg erworben war – es gibt legendäre Anekdoten über Industriespionage und illegale Probenahmen, u.a. mittels eines Ventils in einem Spazierstock –, aber für die traditionelle Technik der Bierbrauerei einen gewaltigen Sprung nach vorne bedeutete. Die Verwendung des Saccharometers (damals Aräometer) wie auch des Thermometers waren neu in den Brauereien Deutschlands und Österreichs. Ebenso wie die Nutzung des Mikroskops zur Analyse und des Rohr-Wärmetauschers zur Kühlung der Anstellwürze.

 

Erfolgreiche Revolution der Brautechnik

Damit und mit anderen Neuerungen bei Mälzungs- und Brauverfahren revolutionierte Sedlmayr die Brautechnik auf dem Kontinent. Denn er sah sich nicht nur als Brauer und Unternehmer, sondern auch als Ingenieur. Seine neuartigen, untergärigen Biere waren somit von sensationeller Qualität und der Konkurrenz weit voraus.

Er exportierte sogar bis nach England – der damals führenden Biernation. Und das mit so großem Erfolg, dass sein Bier bald zum Synonym für bayerisches Bier im Ausland wurde und dessen guter Ruf in den folgenden Jahrzehnten zu einem großen Teil auf dem Spaten Bier beruhte.

 

Freundschaften mit Brauern in ganz Europa

Sedlmayr war ein Netzwerker, der mit Brauern überall in Europa befreundet war. So profitierte er von Neuentwicklungen anderer, die er umgekehrt auch an seinem Wissen und seinen Errungenschaften teilhaben ließ. Ein gutes Beispiel dafür ist seine jahrzehntelange Freundschaft mit dem gleichaltrigen Dänen Jacob Christian Jacobsen. Dieser hatte 1835 die kleine Brauerei seines Vaters übernommen und baute sie schrittweise zu einem Großbetrieb um. Im Oktober/November 1845 besuchte er Sedlmayr in München und erhielt von diesem vor seiner Rückreise eine Charge bayerischer Lagerhefe. Dies war die Basis für den weiteren Erfolg von Jacobsens Carlsberg Brauerei.

 

Großzügigkeit macht sich bezahlt

Mit Sedlmayrs Mitgift gelang Jacob Carlsbergs Laborleiter Emil Christian Hansen 1881 erstmals die Erzeugung von Hefe-Reinzuchtkulturen. Jacobsen hatte offenbar ein sehr gutes Gedächtnis, denn die erste deutsche Brauerei, die Reinzuchthefe aus Kopenhagen als Geschenk erhielt, war die Spaten Brauerei.

Seine jahrelange Zusammenarbeit und sein Mäzenatentum mit Professor Carl von Linde bei der Entwicklung der ersten brauchbaren Kältemaschine ist längst ein wahres Stück deutscher Industriegeschichte. Dass die erste dauerhaft arbeitsfähige Kältemaschine Lindes dann auch in der Spaten Brauerei aufgestellt wurde, versteht sich da fast von selbst.

 

Die drei Brauer Sedlmeyer, Dreher und Lederer
Gabriel Sedlmayr d.J., Anton Dreher und Georg Lederer (v.li.), 1839 (Foto: Stadtarchiv München, DE-1992-NL-SED-,
https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Datei:Sedlmayr_Dreher_Lederer.jpg)

 

Ausbau von Spaten zur technisch führenden Brauerei

Nachdem er durch den frühen Tod seines Vaters 1839 die Brauerei mit nur 28 Jahren übernommen hatte, baute er sie ab 1851 gezielt aus. Strategische Grundstückskäufe gingen mit einer großzügigen und modernen Konzeption Hand in Hand. Besonders die visionäre Planung seiner Immobilien in München unterschied ihn von anderen Brauern. Sedlmayrs Strategie erwies sich für die kommenden, unruhigen Zeiten als dauerhafter, weil sie nicht an Landesgrenzen gebunden war.

Die Einführung von Flaschenbier sowie Fortschritte in den Bereichen Dampf und Kälte machten aus der Spaten Brauerei letztendlich die technisch führende Brauerei Münchens – ab 1867 auch im Ausstoß. Ihm gelang es, den Ausstoß des Spaten Bräu um mehr als das Zwölffache zu steigern. Bis auf etwa 600 000 hl Jahresausstoß!

 

Spaten Brauerei (2. Gebäude auf der linken Seite) in der Neuhauser Straße in München auf einem Aquarell um 1840 (Foto: Münchner Stadtmuseum, Sammlung Graphik/Gemälde, https://www.historisches-lexikon-)
Spaten Brauerei (2. Gebäude auf der linken Seite) in der Neuhauser Straße in München auf einem Aquarell um 1840 (Foto: Münchner Stadtmuseum, Sammlung Graphik/Gemälde,
https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Datei:Spatenbrauerei_Neuhauser_Stra%C3%9Fe.jpg#filelinks)

 

Nicht nur als Brauer erfolgreich

Neben seinen herausragenden Erfolgen als Unternehmer in seiner eigenen Brauerei war Gabriel Sedlmayr auch politisch und gesellschaftlich tätig: als Kommerzienrat, als Abgeordneter im Landtag, im polytechnischen Verein, der Handelskammer, aber auch als Unterstützer sozial benachteiligter Menschen. Seine Autorenschaft zweier erfolgreicher Werke über die Bierbrauerei sind da fast schon Nebensache.

Trotz all dieser Leistungen kam Sedlmayrs Privatleben dennoch nicht zu kurz. Seine über 50-jährige Ehe mit der Bierbrauertochter Anna Rosalia war mit vielen Kindern gesegnet. Zuerst kamen vier Söhne auf die Welt, von denen der Älteste mit nur 26 Jahren starb. Die anderen drei traten aber 1874 trotz alledem die Brauereinachfolge an. Nach den Söhnen erblickten noch fünf Töchter das Licht der Welt, die der fürsorgliche Vater allesamt in „allerbeste Familien verheiratete“.

 

Mitbegründer des Deutschen Brauer-Bundes 

Nachdem er die Brauerei an seine Söhne übergeben hatte, widmete sich Gabriel Sedlmayr der Politik und diversen Brauer-Organisationen über Bayerns Grenzen hinaus. Er war Präsident des bayerischen wie auch des deutschen Brauertags, Mitbegründer des Bayerischen und des Deutschen Brauer-Bundes, bei welchem er sogar Ehrenmitglied Nummer Eins wurde.

Eine Goldmedaille erhielt er auf der Pariser Weltausstellung 1867, dort wurde der Spaten Bräu als einzige deutsche Brauerei ausgezeichnet. Außerdem würdigte die Stadt München Gabriel Sedlmayr vierzehn Jahre später mit der Goldenen Bürgermedaille, der höchsten Auszeichnung für Münchner Bürger. 

Seine Söhne führten die Brauerei erfolgreich ins 20. Jahrhundert. Als Gabriel Sedlmayr II. am 1. Oktober 1891 starb, war der Spaten Bräu eine der führenden Brauereien der Welt. Gabriel Sedlmayrs Grabstätte befindet sich auf dem Alten Südlichen Friedhof in München.

 

Dies ist eine gekürzte und überarbeitete Version eines Artikels von Günther Thömmes aus der BRAUWELT Nr. 8, 2021.