Portraits


		
						
	
		

					
			

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Italien – ein Traumziel für Genießer aus aller Welt. Das Land ist berühmt für hervorragendes Essen und Trinken und mediterrane Köstlichkeiten. Nicht umsonst zählt die UNESCO die italienische Küche zum „immateriellen Kulturerbe der Menschheit“. Seit einigen Jahren ist das kulinarische Spektrum Italiens um eine weitere Spezialität bereichert: „Birra Artigianale“ (handwerklich hergestelltes Bier). Dr. Andreas Grube nimmt uns mit auf eine Reise in die Geschichte und Gegenwart der italienischen Variante des Craft Biers.

Unbekanntes Bierland

Bier aus Italien? Die meisten Deutschen verbinden das Land vor allem mit Pizza, Pasta und Vino. Sie ahnen nicht, was ihnen entgeht. Denn Italien hat sich in den letzten Jahren – vom Rest Europas weitgehend unbemerkt – zu einem der interessantesten und innovativsten Bierländer der Welt entwickelt.

 

Eine Auswahl italienischer Craft Biere
Eine Auswahl italienischer Craft Biere, Teil 1 (Foto: Dr. M. Fohr)

 

Historisch konnte sich Bier in Italien erst Mitte des 19. Jahrhunderts etablieren, nachdem österreichische Braumeister in Norditalien die ersten Brauereien gegründet hatten. 1890 gab es schon rund 140 Brauereien, die Bier in großem Maßstab herstellten. Im Ersten Weltkrieg brach die Produktion ein, die schnelle Erholung danach wurde 1927 jäh gestoppt. Das sog. Marecalchi-Gesetz verpflichtete die Brauer aus agrarpolitischen Gründen, bei der Bierherstellung mindestens 15 Prozent Reis zu verwenden. Gleichzeitig wurden die Biersteuern zum Schutz der Weinwirtschaft massiv erhöht. Infolge dieser Eingriffe sank der Konsum, die Produktion brach ein und viele Brauereien mussten Konkurs anmelden. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Brauwirtschaft wieder einen bescheidenen Aufschwung. Dazu trug auch bei, dass nun auch die Süditaliener Geschmack an Bier gefunden hatten. Ab den 1970er-Jahren stagnierte die Entwicklung aber wieder. Eine hohe Besteuerung der Bierproduktion führte zu weiteren Konzentrationsprozessen bei den Brauereien, die wenigen verbliebenen großen Hersteller setzten auf billige Massenware. So blieb Italien das Land mit dem niedrigsten Bierkonsum in Europa.

 

Die italienische Craft Bier-Revolution

Die große Wende brachte die Craft Bier-Bewegung, die in den 1990er-Jahren im Piemont ihren Ausgang nahm. Ihr Protagonist war Teo Musso, der 1986 in seinem Heimatort Piozzo einen kleinen Brewpub eröffnete. Musso ging kurz darauf nach Belgien, lernte dort das Brauhandwerk und begann Mitte der 90er-Jahre in Italien mit der Entwicklung eigener Bierkreationen. Dabei legte er besonderen Wert auf beste Rohstoffe und handwerkliche Produktionsweise. Nach belgischem Vorbild füllte er sein Bier in 0,7-Liter-Flaschen mit künstlerisch gestalteten Etiketten ab. Unter der Marke „Baladin“ werden Mussos Biere inzwischen in alle Welt exportiert und zählen unter Kennern zu den besten Bieren der Welt.

 

Eine Auswahl italienischer Craft Biere, Teil 2
Eine Auswahl italienischer Craft Biere, Teil 2 (Foto: Dr. M. Fohr)

 

Den Erfolg von „Baladin“ nahmen sich andere Bierbegeisterte zum Vorbild. Über das Internet entwickelte sich eine Brauer-Community, die sich austauschte und anspornte. Vergleichbar dem Craft Bier-Boom in den USA vor vierzig Jahren entstanden – zunächst im Norden, später auch im Süden – immer mehr Kleinbrauereien, die mit internationalen Bierstilen und regionalen Zutaten (wie Kastanien und alten Maissorten) experimentierten. Die hohe Qualität und der Erfindungsreichtum der Brauer sorgten dafür, dass die handwerklich und in kleinen Mengen hergestellten Biere im ganzen Land immer mehr Freunde fanden. Die neue Bierbegeisterung spiegelt sich auch in Zahlen wider: Gab es 2009 gerade einmal 256 Brauereien in Italien, erhöhte sich die Zahl bis 2018 auf 874. Im selben Zeitraum stieg der Pro-Kopf-Konsum um 20 Prozent.

 

Das erste Craft Bier-Gesetz der Welt

2016 schuf Italien das weltweit erste Craft Bier-Gesetz und reglementierte die Herstellung von handwerklich gebrautem Kreativbier. Danach muss „Birra Artigianale“ von unabhängigen Brauereien hergestellt werden, die ihre eigenen Produktionsanlagen nutzen und nicht mehr als 200 000 Hektoliter Bier pro Jahr produzieren; außerdem darf das Bier nicht pasteurisiert und mikrofiltriert werden. Auf diese Weise bleiben die gesunden Bestandteile des Getränks erhalten. Typisch für diese handwerklich hergestellten Biere ist, dass sie auch in 0,7-Liter- bzw. 1-Liter-Flaschen vermarktet werden. Sie bringen die hohe Wertigkeit des Produkts zum Ausdruck und stellen es schon rein äußerlich auf eine Stufe mit Wein. Die Komplexität der Aromen und die Vielfalt der Biere prädestiniert die Biere zu Begleitern für Speisen der gehobenen Küche. Trotz hoher Biersteuern, mit denen die Politik die Weinwirtschaft begünstigen will, ist „Birra Artigianale“ eine Erfolgsgeschichte. Inzwischen spüren auch die Großbrauereien die Konkurrenz. Sie versuchen beim Konsumenten durch neue Produktreihen mit ausgefallenen Aromen und edlen Flaschendesigns zu punkten.

 

Piemontesische Brauinnovationen

Das Piemont war Ausgangspunkt der neuen italienischen Braukultur und gilt heute als ihr Zentrum. Zwischen Turin im Norden und Cuneo im Süden gibt es rund 140 Handwerksbrauereien, die „Birra Artigianale“ produzieren. Seit Jahren dominieren diese Biere die Ranglisten des nationalen Bierwettbewerbs „Birra dell’Anno“.

 

Eine Auswahl italienischer Craft Biere, Teil 3
Eine Auswahl italienischer Craft Biere, Teil 3 (Foto: Dr. M. Fohr)

 

Einer der Preisträger ist der 37-jährige Gabriele Ormea. Er lernte das Brauen bei seinem Vater Sergio, der eine der ersten Handwerksbrauereien in Turin eröffnete. Gabriele entwickelt seine Biere in einer kleinen Braustätte in Agliano Terme nahe Asti, sein Schwiegervater Daniele Nori vermarktet sie unter der Marke „Edfil“. Das Motto „Bier – mit Liebe handgebraut im Piemont“ ist Programm: Gabriele ist ein Biertüftler und arbeitet nur mit besten Zutaten. Die Gerste stammt fast ausschließlich aus eigenem Anbau. Zur Aromatisierung nutzt die kleine Brauerei regionalen Kastanienhonig, frische Feigen von eigenen Bäumen und Piemonteser Haselnüsse. Ihr „Birra Ambrata alla Canapa“ ist sogar mit Hanf veredelt. Neben klassischen, raffiniert neu interpretierten Bierstilen wie Pils, Weizen und Porter braut „Edfil“ eine besondere italienische Spezialität: das Italian Grape Ale (IGA). Dabei handelt es sich um ein obergäriges Bier, bei dem mit der Bierwürze der Most weißer oder roter Trauben vergoren wird. Seit 2015 ist dieser Bierstil durch die Aufnahme in die Beer Style Guidelines der BJCP international anerkannt. Für seine IGA-Biere verwendet Gabriele den Most der regionalen Rebsorten Cortese und Grignolino; seine ausdrucksstarken Weinbiere sind ideale Begleiter zu Fischgerichten und Käse.

 

Gabriele Ormea als Preisträger des Wettbewerbs
Gabriele Ormea als Preisträger des Wettbewerbs Birra dell'Anno 2018 (Foto: Dr. A. Grube)

 

Bei der Kreation seiner Biere legt Gabriele besonderen Wert auf die Kombinationsmöglichkeit mit typischen Gerichten der italienischen Küche. Schon vor Jahren hatte er mit einem italienischen Sternekoch ein Buch zum Thema „Foodpairing“ verfasst. Er ist überzeugt: „Bier bietet durch seine Malz- und Karamellnoten, Röstaromen und Fruchtester mehr sensorische Möglichkeiten als Wein. Es bereichert die Kulinarik jeder Küche.“

 

Die Handwerksbiere von Edfil in der stylischen 0,7l-Flasche (Foto: Dr. A. Grube)
Die Handwerksbiere von Edfil in der stylischen 0,7l-Flasche (Foto: Dr. A. Grube)

 

Unentdeckte Potentiale

Die faszinierende Entwicklung der Bier-Szene in Italien hat in Deutschland noch kaum jemand wahrgenommen. Selbst in speziellen Craft Bier-Geschäften sind die italienischen Handwerksbiere nur selten im Sortiment. Auch die italienischen Gastronomen in Deutschland haben das Potenzial von „Birra Artigianale“ noch nicht erkannt. Statt des qualitativ hochwertigen Bieres wird in italienischen Restaurants meist das Bier großer internationaler Braukonzerne ausgeschenkt. Dahinter steht oft der Irrglaube, nur Wein könne feines Essen begleiten. Dabei wird übersehen, dass die Sorten- und Geschmacksvielfalt des „Handwerksbiers“ neue sensorische Erlebnisse ermöglicht. Das Angebot dieser Bierspezialitäten bietet Wirten außerdem die Möglichkeit, sich von der Konkurrenz abzuheben.

 

Blick von der Braustätte von Edfil auf die Weinberge des Piemont
Blick von der Braustätte von Edfil auf die Weinberge des Piemont (Foto: Dr. A. Grube)

 

Gabriele von „Edfil“ sieht die Zukunft seiner Produkte trotz Corona-Krise positiv: „Auch wenn die Politik den Weinbau begünstigt und wir mit den Großbrauereien in hartem Wettbewerb stehen, sind wir seit Jahren auf Expansionskurs.“ Mittelfristig strebt er an, auch Bierfreunde und Gastwirte in Deutschland als Kunden zu gewinnen. Wer sein „Birra Artigianale“ getrunken hat, hat keine Zweifel, dass das gelingen wird.